Osnabrück diskutiert das zwiespältige Erbe von Hans Georg Calmeyer – Retter oder NS-Helfer?
Leopold BeerOsnabrück diskutiert das zwiespältige Erbe von Hans Georg Calmeyer – Retter oder NS-Helfer?
Öffentliche Diskussion über das umstrittene Erbe von Hans Georg Calmeyer am 7. Oktober 2023 in Osnabrück
Am 7. Oktober 2023 findet in Osnabrück eine öffentliche Diskussion über das umstrittene Vermächtnis von Hans Georg Calmeyer statt. Die Veranstaltung im Museumsquartier setzt sich damit auseinander, wie die Geschichte einen Mann bewertet, der sowohl Leben rettete als auch an der NS-Unterdrückung in den Niederlanden mitwirkte.
Die Gesprächsrunde beginnt um 19 Uhr und steht allen Interessierten ohne Eintrittsgeld offen. Journalisten und Historiker werden die komplexen Fragen um seine Rolle während des Zweiten Weltkriegs erörtern.
Hans Georg Calmeyer, ein Jurist aus Osnabrück, arbeitete zwischen 1941 und 1944 in der deutschen Besatzungsverwaltung in den Niederlanden. Als Rasse-Referent in Den Haag prüfte er Fälle von "rassischer Unklarheit" und entschied, ob Personen als "arisch", "jüdisch" oder "gemischtrassig" eingestuft wurden. Seine Urteile bestimmten maßgeblich, wer deportiert wurde.
Durch seine Position genehmigte Calmeyer gefälschte Abstammungsdokumente, die etwa 3.000 Menschen in den Niederlanden vor der NS-Verfolgung bewahrten. 1992 ehrte ihn die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem posthum als Gerechten unter den Völkern für diese Taten. Dennoch bleibt sein Erbe umstritten.
Kritiker wie der Historiker Coenraad Stuhldreher argumentieren, Calmeyer habe auch zahlreiche Anträge abgelehnt und damit andere in den Tod geschickt. Sie beschreiben ihn als Bürokraten, der sich an die NS-Rechtsordnung hielt – und stellen damit die Frage nach Mittäterschaft. In den Niederlanden wird bis heute diskutiert, ob er Retter oder Vollstrecker des Regimes war.
Die Veranstaltung widmet sich diesen Widersprüchen. Der Journalist Rainer Lahmann-Lammert und der Historiker Dr. Thorsten Heese leiten die Diskussion. Themen sind unter anderem die Entstehung kollektiver Erinnerung, die Rolle der Medien bei der Prägung historischer Narrative sowie die Herausforderungen, moralisch ambivalente Figuren zu bewerten.
Interessierte können sich im Veranstaltungssaal des Osnabrücker Museumsquartiers an der Debatte beteiligen. Die Organisatoren laden alle ein, die sich für Geschichte, Ethik und mediale Verantwortung interessieren.
Im Mittelpunkt steht die Schwierigkeit, Persönlichkeiten wie Calmeyer zu beurteilen, deren Handeln sowohl lebensrettende als auch zerstörerische Folgen hatte. Zudem wird erforscht, wie Gesellschaft und Medien solche Geschichten Jahrzehnte später deuten.
Der kostenlose Eintritt sorgt dafür, dass die Veranstaltung allen offensteht, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen möchten.
