Konfessionslose überholen in Deutschland erstmals Katholiken und Protestanten
Serpil KranzKonfessionslose überholen in Deutschland erstmals Katholiken und Protestanten
Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte übersteigt die Zahl der konfessionslosen Menschen die der Katholiken und Protestanten zusammen. Dieser Wandel vollzieht sich in einer Zeit, in der die Kirchen wegen ihrer Arbeitsbedingungen und der Forderung nach Sonderrechten zunehmend in die Kritik geraten. Die Wohlfahrtsverbände der protestantischen und katholischen Gruppen beschäftigen rund 1,8 Millionen Menschen – doch Streiks sind verboten, und strenge Mitgliedschaftsregeln werden durchgesetzt.
Die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland sowie ihre Wohlfahrtsorganisationen bestehen seit Langem auf weitreichende Autonomie über ihre Beschäftigten. Sie verlangen von allen Mitarbeitenden in staatlich finanzierten Einrichtungen, dass sie kirchensteuerpflichtige Mitglieder sind, und drohen Nichtmitgliedern mit Entlassung. Kritiker, darunter Gewerkschaften wie ver.di und Gruppen wie der Zentralrat der Konfessionsfreien, werfen den Kirchen vor, damit Ungläubige zu diskriminieren und die Arbeitnehmerrechte einzuschränken.
Das Bundesverfassungsgericht urteilte kürzlich, dass Kirchen ihren Beschäftigten keine willkürlichen Regeln auferlegen dürfen. Dieses Urteil bestärkte den öffentlichen Eindruck, die Kirchen seien überholt – mittlerweile halten 65 Prozent ihrer eigenen Mitglieder sie für irrelevant. Gleichzeitig sagen 77 Prozent der Deutschen, dass kirchenbezogene Themen in ihrem Leben keine Rolle spielen, und 68 Prozent behaupten, Religion habe für sie keine Bedeutung. Der Druck wächst weiter, da konfessionslose Deutsche – inzwischen 47 Prozent der Bevölkerung – noch in diesem Jahrzehnt voraussichtlich die absolute Mehrheit stellen werden. Gewerkschaften und säkulare Organisationen fordern weiterhin fairere Arbeitsgesetze und ein Ende der Streikverbote in kirchlichen Einrichtungen.
Der Beharren der Kirchen auf Sonderrechte prallt auf eine Gesellschaft, die Religion zunehmend gleichgültig gegenübersteht. Da Konfessionslose in Deutschland nun die Gläubigen zahlenmäßig überholt haben, gewinnen ihre Forderungen nach Gleichbehandlung am Arbeitsplatz an Fahrt. Der rechtliche und öffentliche Widerstand deutet auf einen Wendepunkt hin, wie religiöse Institutionen im modernen Deutschland agieren.
