Wiesn-Gottesdienst: Wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden
Jedes Jahr zieht das Münchner Oktoberfest Scharen von Besuchern an, die Bier, Musik und Feiern genießen. Doch ein Ereignis hebt sich von den üblichen Festlichkeiten ab: der Wiesn-Gottesdienst. In der ersten Woche im Marstall-Zelt verwandelt er die lebhafte Bierhalle für einen Morgen in einen Ort der Andacht.
Der Gottesdienst beginnt mit einem vertrauten Bild: Wo sonst die Königlich Bayerische Vollgas-Orchester mit Stimmungsmusik aufspielt, erklingen nun Kirchenlieder. Ein "Halleluja" hallt durch den Raum, hinab zu den Bierbänken. Die Menge, die sonst mit Maßkrügen in der Hand sitzt, steht auf und singt einmütig: "Lobt den Herrn!" Ein Mann tritt ans Mikrofon und spricht: "Und führe uns nicht in Versuchung…" – eine Zeile, die in einem Zelt, das eher für Trinksprüche als für Gebete bekannt ist, wissende Lächeln hervorruft.
Nur sechs Männer im gesamten Raum trinken an diesem Morgen – sie teilen sich Schlucke Wein aus einem einzigen goldenen Kelch. Die Stimmung wechselt von ausgelassen zu besinnlich und schenkt einen seltenen Moment der Ruhe im Trubel des Festes.
Diese Tradition ist kein Münchner Alleinstellungsmerkmal. Rund 20 bis 25 deutsche Städte – von Recklinghausen über Köln bis Rosenheim – veranstalten ähnliche Kirchgänge auf Volksfesten wie dem Oktoberfest. Ihre Wurzeln liegen in der katholischen Seelsorge für reisende Schausteller und Zirkusleute, die Sakramente, Fahrgeschäftssegnungen und Gemeinschaft mit örtlichen Pfarrgemeinden verbinden. Wie Pfarrer Sascha Ellinghaus betont, spiegeln sie eine lange Verbindung zwischen Glaube und Festkultur wider.
Für einen Morgen wird aus dem Wiesn-Gottesdienst etwas Unerwartetes: ein Dorf ohne Platz, eine Gemeinde ohne Mauern, ein Pfarrer ohne Kirche.
Der Wiesn-Gottesdienst bleibt ein leiser Kontrast zum üblichen Oktoberfest-Treiben. Er steht für eine Tradition, die über München hinausreicht und Jahrmärkte, Glauben und Gemeinschaft in ganz Deutschland verbindet. Für die Besucher ist er eine kurze, aber eindrucksvolle Erinnerung daran, wie Feiern und Besinnung denselben Raum teilen können.






