Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerungen tilgte
Serpil KranzHalberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerungen tilgte
Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange von Verdängung und vergessenen Tragödien überschattet. In seinem neuen Buch „Verweigerte Erinnerung“ untersucht Philipp Graf, wie die DDR ihre antifaschistischen Versprechen verfehlte und gleichzeitig das jüdische Erbe der Stadt unterdrückte.
Die Zerstörung Halberstadts begann im November 1938, als die Synagoge während der Pogromnacht demoliert wurde. In den folgenden vier Jahren wurde die einst blühende jüdische Gemeinde – ein Zentrum des Neo-Orthodoxie – systematisch vernichtet. Bis 1942 waren fast alle Spuren ihres Bestehens getilgt.
Nach dem Krieg wurde die jüdische Vergangenheit der Stadt weiter verwischt. Aus dem Elektro- und Fahrradgeschäft von Ernst Karliner wurde ein Verbandwarengeschäft, während der Kurzwarenladen der Familie Sternglanz in den Friseursalon Schroder umgewandelt wurde. Das Tunnelsystem des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge, in dem Tausende starben, diente ab den 1970er-Jahren der Nationalen Volksarmee der DDR als militärisches Lager.
1949 entstand zwar eine Gedenkstätte auf dem Lagergelände, doch ihr Umbau 1969 machte sie zu einem Ort politischer Treueschwüre – errichtet direkt über den Gräbern der Häftlinge. Selbst im Tod blieben die Opfer unsichtbar. Willy Calm, der letzte überlebende Jude Halberstadts, wurde 1961 auf dem jüdischen Friedhof in der Quenstedter Straße beigesetzt – das Ende einer Epoche.
Die Widersprüche der DDR gingen über die Architektur hinaus. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 in die DDR übersiedelte, verschwand nach dem Sechstagekrieg aus den Staatsmedien. Erst Mitte der 1970er-Jahre tauchte ihr Name wieder auf. Derweil entfachte der Verkauf der Einkaufspassage Rathauspassagen an jüdische Käufer 2018 erneut antisemitische Klischees – es wurde hinter vorgehaltener Hand von einem „Verkauf an die Juden“ gemunkelt.
Grafs Buch zeigt, wie Halberstadts jüdische Geschichte unter Schichten staatlicher Gleichgültigkeit und ideologischer Bequemlichkeit begraben wurde. Die Vergangenheit der Stadt – von der zerstörten Synagoge bis zu den zweckentfremdeten KZ-Tunneln – bleibt eine schmerzhafte Mahnung dessen, was verloren ging. Noch heute wird das Erbe der jüdischen Gemeinde mühsam rekonstruiert.






