Göttingen führt erstmals den Ruf des Muezzins ein – ein Zeichen für religiösen Dialog
Winfried JunkGöttingen führt erstmals den Ruf des Muezzins ein – ein Zeichen für religiösen Dialog
Göttingens DITIB-Muslimgemeinschaft wird erstmals am 24. Februar 2026 den Ruf des Muezzins ausstrahlen. Der Anlass markiert das Fest des Fastenbrechens zum Ende des Ramadan und folgt auf monatelange Gespräche unter lokalen Religionsvertretern. Ein Tag der offenen Moschee am 26. März soll Anwohnern die Möglichkeit geben, mehr über die Praxis zu erfahren und Fragen zu stellen.
Die Entscheidung, den Gebetsruf einzuführen, fiel am Göttinger Runden Tisch der Religionen, wo Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen über dessen Platz im öffentlichen Leben diskutierten. Superintendent Dr. Frank Uhlhorn von der evangelischen Kirche und Dechant Wigbert Schwarze von der katholischen Kirche betonten übereinstimmend, dass religiöse Äußerungen einen geregelten Platz in gemeinsamen Räumen haben sollten. Jaqueline Jürgenliemk, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde der Stadt, unterstützte den Schritt als Beitrag zur Förderung des Dialogs und des Vertrauens zwischen den Religionen.
Bürgermeisterin Petra Broistedt unterstrich, dass die Religionsfreiheit – einschließlich hörbarer Praktiken wie dem Ruf des Muezzins – durch das Grundgesetz geschützt sei. Dieses Recht gelte gleichermaßen für alle Glaubensgemeinschaften. Ali Serkan Şahbaz von der DITIB Göttingen erklärte, der Ruf sei eine religiöse Handlung und keine politische Aussage oder ein Versuch der Missionierung.
Die DITIB-Gemeinde hat zugesichert, den Gebetsruf transparent und rücksichtsvoll gegenüber den Anwohnern durchzuführen. Am 17. März findet im Weststadtzentrum eine offene Diskussionsrunde mit Şahbaz, Dilek Aydın und Erzdechant Schwarze statt. Ein zweiter Termin, der Tag der offenen Moschee, ist für den 26. März in der Königstieg 4 geplant, wo Besucher die Moschee besichtigen und mit Gemeinschaftsmitgliedern ins Gespräch kommen können.
Göttingens Vorgehen steht im Kontrast zu aktuellen Debatten anderswo. Im Oktober 2025 hatten Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz zu Migration und Stadtbildern für Kontroversen gesorgt: Während das Bündnis gegen Rechtsextremismus seine Haltung kritisierte, unterstützten Politiker wie Dobrindt und Spahn seine Position. Raunheim hingegen wurde zur ersten hessischen Stadt, die den Muezzin-Ruf dauerhaft einführte – ein Zeichen für die unterschiedlichen Akzeptanzgrade in Deutschland.
Der Gebetsruf wird am 24. Februar erstmals erklingen; weitere Gespräche sind in den folgenden Wochen vorgesehen. Die DITIB-Gemeinde hat sich zu klarer Kommunikation und Einbindung der Anwohner verpflichtet. Lokale Verantwortliche hoffen, dass die Initiative das Verständnis zwischen den Religionen stärkt, ohne rechtliche oder gesellschaftliche Grenzen zu überschreiten.