Frankfurter Buchmesse polarisiert mit Raketen-Installation und militärischer Ästhetik
Winfried JunkFrankfurter Buchmesse polarisiert mit Raketen-Installation und militärischer Ästhetik
Die Frankfurter Buchmesse setzt in diesem Jahr mit einem auffälligen neuen Motto ein kühnes Zeichen. Ein riesiger Raketenstartkörper beherrscht nun den zentralen Agora-Innenhof und verdrängt die sonst üblichen literarischen Debatten. Der Wandel weckt Neugier – und sorgt unter den Besuchern auch für Kontroversen.
Die Messe, einst geprägt von Buchdruck und kulturellem Austausch, hat sich in den letzten Jahren zunehmend der digitalen Innovation, Nachhaltigkeit und globalen Vielfalt geöffnet. Doch die diesjährigen militaristischen Untertöne werfen Fragen über ihre Ausrichtung auf.
Die Rakete, zunächst als Werbeinstrument der Bundeswehr vermutet, entpuppt sich als Raumfähre für pädagogische Kinderaktivitäten. Ihre überwältigende Präsenz überlagert jedoch die traditionellen Schwerpunkte der Messe – Literatur, Politik und Gesellschaft. In der Nähe stellt ein kleiner Verlag ein Modell eines Maiale aus, eines italienischen Torpedos aus dem Zweiten Weltkrieg, und wirbt damit für einen Roman über einen Faschisten und einen spanischen Buchhändler.
Auch kulinarisch passt sich die Messe dem neuen Thema an: Statt österreichischer Schnitzel gibt es an den Essensständen nun Kartoffelsuppe – eine Anspielung auf "Grabenkrieg". Ein Hotel in Sachsenhausen hat sogar seinen Frühstücksraum mit Lego-Raumschiffen und Kriegsgerät dekoriert und spiegelt damit die militaristische Ästhetik der Messe wider.
Besucher diskutieren über den Begriff "charakterschwach", den manche als Kritik an der sich wandelnden Identität der Messe deuten. Andere sehen darin eine Reflexion über gesellschaftliche Themen wie Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen, Regelkonformität und Korruption – Aspekte, die trotz der finanziellen Krisen der Verlagsbranche an die Oberfläche drängen.
In den letzten fünf Jahren hat sich die Buchmesse von druckzentrierten Präsentationen hin zu immersiven Multimedia-Erlebnissen entwickelt, darunter KI-gesteuerte Erzählformen und Öko-Kunst. Doch die diesjährige Fokussierung auf militärische Bildsprache markiert einen radikalen Bruch. Manche Besucher fragen sich, ob die Veranstaltung dabei ist, ihre literarische Seele zu verlieren.
Die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Buchmesse verbindet Bildung mit provokanten Themen – von der Raumfahrt bis zur Kriegsgeschichte. Die dominierende Rakete im Agora symbolisiert einen klaren Schnitt zu alten Traditionen. Ob dieser Wandel neue Zielgruppen anzieht oder Stammbesucher verprellt, bleibt abzuwarten.
Die Messe läuft noch bis Sonntag. Parallel zu den markanten Neuerungen werden weiterhin Debatten über Charakter, Ethik und die Herausforderungen der Branche geführt.