Digitale sexualisierte Gewalt: Jeder zweite Jugendliche in Deutschland ist betroffen
Heinz-Peter SödingDigitale sexualisierte Gewalt: Jeder zweite Jugendliche in Deutschland ist betroffen
Digitale sexualisierte Gewalt betrifft fast die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland
Aktuelle Studien zufolge ist fast die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland von digitaler sexualisierter Gewalt betroffen. Das Thema rückte jüngst stärker in den öffentlichen Fokus, nachdem die Moderatorin Collien Fernandes ihren Ex-Mann, Christian Ulmen, öffentlich beschuldigt hatte. Unterdessen hat ein einzigartiges Präventionsprojekt in Thüringen Tausende Schülerinnen und Schüler mit Workshops erreicht, die das Problem direkt angehen.
Zwischen 2021 und 2024 leitete die Pädagogin Yasmina Ramdani an Thüringer Schulen Präventionsworkshops zum Thema digitale sexualisierte Gewalt. Das dreijährige Pilotprojekt, finanziert vom Landesjugendamt, erreichte rund 5.000 Schülerinnen und Schüler der fünften bis achten Klasse. Anders als andere Initiativen setzte dieses Programm darauf, digitale Risiken in alltagsnahe Diskussionen zu übersetzen – und sie so für Jugendliche leichter erkennbar und bearbeitbar zu machen.
Daten des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit unterstreichen das Ausmaß des Problems: Fast jede zweite junge Person gibt an, bereits digitale sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Ein Viertel der Minderjährigen war 2025 von Cybergrooming betroffen – also von Fällen, in denen Täter gezielt über Chats Kontakt zu Kindern aufnehmen. Viele Übergriffe geschehen zudem im Bekanntenkreis oder in Klassenchats und bleiben oft von Erwachsenen unbemerkt.
Fachleute betonen, dass Prävention weit kostengünstiger ist als die Bewältigung der langfristigen Folgen digitalen Missbrauchs. Ramdanis Workshops sollten genau diese Lücke schließen, indem sie Jugendlichen beibrachten, Risiken zu erkennen und Grenzen zu setzen. Doch es braucht flächendeckendere Maßnahmen – darunter eine stärkere Kontrolle von Tech-Unternehmen und bessere Unterstützung für Eltern. Behörden fordern, dass Erwachsene ihr eigenes Verhalten reflektieren und offen mit Kindern über digitale Sicherheit sprechen müssen.
Obwohl das Thüringer Projekt richtungsweisend war, gibt es keine öffentlichen Zahlen dazu, wie viele ähnliche Programme es bundesweit mittlerweile gibt. Die Lage bleibt uneinheitlich – trotz wachsender Aufmerksamkeit für das Thema.
Das Pilotprojekt in Thüringen hat gezeigt, wie gezielte Workshops Jugendlichen helfen können, digitale Risiken zu bewältigen. Angesichts der Tatsache, dass fast die Hälfte der Minderjährigen von sexualisierter Gewalt im Netz betroffen ist, wird der Bedarf an bundesweiten Strategien immer deutlicher. Nun müssen Schulen, Eltern und Politiker entscheiden, wie Präventionsmaßnahmen über Einzelinitiativen hinaus ausgebaut werden können.






