Arzneimittel-Engpass in Deutschland: Warum Notimporte aus Portugal nur ein Notpflaster sind
Heinz-Peter SödingArzneimittel-Engpass in Deutschland: Warum Notimporte aus Portugal nur ein Notpflaster sind
Eine hitzige Debatte über die Verwundbarkeiten der Arzneimittelversorgung in Europa ist entbrannt – mit Deutschland im Zentrum der Diskussion. Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts gerieten Branchenführer und Krankenkassen aneinander und offenbarten tiefe Gräben bei der Frage, wie lebenswichtige Medikamente gesichert werden können. Der Streit eskaliert, während das Land mit einem offiziellen Engpass bei Benzylpenicillin-Benzathin konfrontiert ist, der Notimporten aus Portugal den Weg ebnet.
Die deutsche Regierung hatte am 21. Januar 2026 einen Versorgungsengpass bei Benzylpenicillin-Benzathin erklärt. Als Reaktion sollen ab März 50.000 Packungen aus Portugal importiert werden, koordiniert von InfectoPharm und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Dieser Schritt folgt einem Antrag der AfD-Fraktion Ende Februar, der einen schnelleren Zugang zu innovativen Arzneimitteln und eine stärkere nationale Steuerung forderte – konkrete Finanzzusagen oder politische Änderungen stehen jedoch noch aus.
Auf der Konferenz kam es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Pharma-Managern und Krankenkassenvertretern. Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH), warnte, die Schwächen Europas seien unterschätzt worden. Die Bevorratung von Generika halte er für unpraktikabel und plädierte stattdessen für eine umfassendere Industriestrategie, die mit Sicherheit verknüpft sei. Tim Steimle von der Techniker Krankenkasse (TK) hingegen behauptete, das Regierungsziel von sechsmonatigen Reserven sei bereits erreicht.
Kritik an der aktuellen Vorgehensweise kam aus mehreren Richtungen. Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, bezeichnete die sechsmonatige Reserve als unzureichend und fragte, auf welche konkreten Krisen sie eigentlich ausgelegt sei. Thomas Weigold, Chef von Sandoz/Hexal in Deutschland, wies Gespräche als ungenügend zurück und betonte, echte Resilienz erfordere eine Verringerung der Abhängigkeit von China bei Antibiotika und Generika. Ein vorgeschlagenes Freihandelsabkommen mit Indien nannte er "absurde" – es setze Kosten über Versorgungssicherheit.
Steimle verteidigte den Wechsel von Rabattverträgen zu Liefervereinbarungen, räumte jedoch ein, dass dies pädiatrische Medikamente nicht abdecke. Das Indien-Abkommen begrüßte er als Schritt zur Diversifizierung der Importe. Inanc konterte jedoch, die logistische Resilienz werde vernachlässigt – Vorräte allein könnten strukturelle Probleme nicht lösen.
Der Engpass bei Benzylpenicillin-Benzathin zwingt Deutschland zu Notimporten und offenbart Lücken in der heimischen Produktion. Während die Behörden Fortschritte bei der Bevorratung betonen, fordern Branchenvertreter langfristige Investitionen und klarere Strategien, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern. Ohne weitere Maßnahmen bleibt das Risiko künftiger Engpässe ungelöst.